Ein Bettelkönig kommt

Pfarrerin Marianne Wagner

Andacht zum ersten Advent
von Pfarrerin Marianne Wagner

Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9, 9): „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.“ Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf und er setzte sich darauf. Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

Matthäus 21, 1–9

„Macht hoch die Tür die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit“, dieses Lied wird am kommenden Sonntag in den meisten Gottesdiensten erklingen. Freudige Erwartung verbinden wir damit, der erste Advent ist da. Wir sind eingeladen zum Innehalten, zur Rückschau, aber auch zum Blick nach vorn, hin auf das, was kommen soll.

Wo soll es langgehen in meinem persönlichen Leben, wohin rudert unsere Kirchengemeinde, wie ist es um das Schiff Kirche bestellt? Nehmen wir uns die Zeit, diesen Fragen wirklich nachzuspüren? Wenn nicht jetzt, wann dann?

Als Christinnen und Christen sind wir ja im Namen von Jesus Christus unterwegs in dieser Welt. Diese Selbstverständlichkeit sollten wir uns aber immer wieder ganz bewusst machen im Sehen und Hören darauf, wie Jesus in die Welt kam und wie er auf die Menschen zuging und sie bewegte.

Die Art, wie Jesus in Jerusalem einzieht, ist genauso überraschend wie der Umstand, dass der Sohn Gottes unter ärmlichen Bedingungen auf die Welt kommt und neben Ochs und Esel in einer Krippe liegt.

Sanftmütig und auf einem Esel reitend, damit erinnert Jesus daran, dass Gottes Herrschaft in unserer Welt nicht in äußerer Macht, Glanz und Glorie besteht. Es ist zu vermuten, dass die revolutionären Kräfte damals ein machtvolles Auftreten des Galiläers gegen die römische Besatzungsmacht erwarteten. Jesus aber inszeniert sein Eintreffen im Zentrum politischer und religiöser Macht so, dass deutlich wird: Gott kommt nicht mit Gewalt, von oben herab, auf hohem Ross, er kommt eher als „Bettelkönig“, wie Martin Luther es nannte. Und gerade dadurch kritisiert er die herrschenden Umstände, wirkt er „machtvoll“.

Heißt das nicht, dass wir in unseren Gemeinden und Kirchen aufhören sollten, so ängstlich vom vermeintlich drohenden Bedeutungsverlust des christlichen Glaubens in unserer Gesellschaft zu reden? Sicher ist es Fakt, dass der Traditionsabbruch Folgen zeigt, dass es bei Weitem nicht mehr selbstverständlich ist, dass selbst getaufte Kinder im Elternhaus mit dem christlichen Glauben so aufwachsen, dass ihnen biblische Geschichten und Gottesdienst vertraut wären.

Aber das Wegfallen von Selbstverständlichkeiten bietet auch die Chance, genauer hinzuschauen und sich zu vergewissern, wie es mit unserem Zeugnis von Jesus Christus bestellt ist.

Jesus hat die Menschen angerührt, weil er ihnen ins Herz sprach, sich ihnen ganz zuwandte und sie in seiner Gegenwart wieder Hoffnung schöpfen konnten. Sein Wort, sein Handeln und die Gemeinschaft derer um ihn herum haben Menschen angesprochen und in Bewegung gesetzt. Daran konnte auch die Tatsache nichts ändern, dass sein friedfertiger Einzug in Jerusalem blutig endete, am Kreuz.

Die Worte des Auferstandenen, „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“, haben Menschen von jeher durch tiefe Krisen, Verfolgung und Tod hindurch getragen.

Lassen auch wir uns im Advent wärmen und ermutigen. Schauen wir auf die vielen guten Dinge in unserem Leben und in unserer Kirche mit Dankbarkeit. Tun wir das Unsrige, um denen, die uns brauchen – nah und fern – die Hand zu reichen und Solidarität zu üben.

Lassen Sie uns Tor und Tür öffnen für Jesus Christus, der uns und der Welt Licht und Hoffnung bringt.

Marianne Wagner ist Pfarrerin für Weltmission und Ökumene im Missionarisch-Ökumenischen Dienst in Landau.

Gebet

Jesus Christus, auf dich warten wir nicht vergeblich. Du wirst kommen und uns deine Nähe schenken. Wir bitten dich: Mache uns bereit, in dieser Adventszeit dich zu empfangen. Du bist unser Helfer jetzt und alle Zeit. Amen.

Evangelischer Kirchenbote 48/2014

 

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