Evangelische Kirche: Was Mission heutzutage bedeutet

Die Evangelische Kirche der Pfalz hat am Sonntag in Mutterstadt 50 Jahre Evangelische Mission in Solidarität (EMS) gefeiert. Was Mission heute bedeutet erklärt Florian Gärtner, Leiter des Missionarisch-Ökumenischen Dienstes der pfälzischen Landeskirche, im Gespräch mit Anne-Susann von Ehr.

Herr Gärtner, sie kamen im Namen des Herrn, oft Seite an Seite mit Kolonialherren aus Europa. Wenn es um die Aufarbeitung des Kolonialismus geht, müssen sich die missionierenden Kirchen Fragen gefallen lassen – nach Schuld und Verstrickung. Ist Aufarbeitung ausreichend geschehen?
Es geschah und geschieht viel sowohl überregional unter anderem durch die Evangelische Kirche in Deutschland, als auch regional zum Beispiel in der Kulturkirche Friedenskirche in Ludwigshafen. Dort startet am 30. Oktober eine Themenreihe zum Postkolonialismus. Darüber bin ich sehr froh.

Wie geht man mit diesem Erbe um?
Die kritische Auseinandersetzung ist wichtig – bei jeder Vorbereitung auf Begegnungen, auch ganz konkret mit der Geschichte und den Erfahrungen zum Beispiel der Partnerkirchen. Gerade dieses Gespräch mit unseren Partnerkirchen hat mich aber gelehrt, sehr differenziert in die Missionsgeschichte zu schauen und aus Fehlern zu lernen – aber auch von unseren Partner als gut Empfundenes zu akzeptieren.

Was versteht man heute unter christlicher Mission?
Eine Mission hat ja heute fast jedes Unternehmen, und so haben sie auch die Christen. Die Botschaft von der Liebe Gottes und der damit verbundenen Hoffnung für uns Menschen in dieser Welt ist für mich eine Botschaft, die aktueller nicht sein kann. Das beste Missionsmodell, das ich kenne, ist Konvivenz – Zusammenleben. Als Christen und Christinnen Gemeinschaft und Gesellschaft friedlich und hoffnungsfroh gestalten – das ist für mich Mission.

Es heißt, Missionswerke arbeiten mit ihren Partnerkirchen auf Augenhöhe. Aber ist es nicht so, dass viele dieser Kirchen in Lateinamerika, Afrika und Asien finanziell von den ehemaligen Missionierenden abhängig sind?
Das ist einerseits wahr, auch wenn sich da einiges verändert hat in den vergangenen Jahren. Aber finanzielle Ressourcen sind nicht alles. Andererseits sind die Projekte und die Umsetzung und Durchführung ja entwickelt von den Partnern vor Ort. Die Abhängigkeit ist wenn dann eine wechselseitige. Die Missionswerke haben glücklicherweise Geld, um gute Projekte und fruchtvolle Kooperationen umzusetzen – aber dazu braucht es Partner, Austausch und sinnvolle Projekte.

Um was geht es in diesem Austausch?
Der Austausch ist ein wechselseitiger Lernprozess von Bedürfnissen und Gaben. Missionswerke haben „hören“ gelernt. Und die Partnerkirchen sind selbstbewusst und haben gelernt, ihre Vorstellungen und Bedürfnisse so auszudrücken, dass sie verstanden werden. Dabei sind die finanziellen Mittel nur ein Teil der benötigten Ressourcen vor Ort. Es braucht auch Planung, Kreativität, Flexibilität, Zusammenarbeit und viel Ehrenamt und Glaube an das gemeinsame Gelingen. Das geht nur auf gegenseitiger Augenhöhe.

Die Missionswerke leisten heute in vielen armen Regionen der Welt Entwicklungshilfe, das machen andere Nichtregierungsorganisationen aber auch. Was ist der Unterschied?

Ich bin der Meinung, es wird viel gute Entwicklungshilfe geleistet. Die EMS hat sich auf Kleinprojekte in Gemeinschaften fokussiert. Diese sind meist sehr erfolgreich, weil es durch den gemeinsamen Glauben gleich eine Vertrauensbasis gibt, also Augenhöhe. So sind konkrete Projekte vor Ort auch im kleinen Dorf möglich, zu dem andere Organisationen vielleicht keinen Zugang haben.

Die Pfälzische Landeskirche hat Partnerkirchen beispielsweise in Ghana, Südkorea, Papua. Was bringt dies den evangelischen Gemeinden in der Pfalz?
Wenn man sieht, wie unterschiedlich Gott uns Menschen gemacht hat und wie unterschiedlich Menschen ihren christlichen Glauben leben und ausdrücken, kann das Kreativität wecken. Es kann Perspektiven verändern und Glaubenslust weiter entfachen und so Kreativität und Energie freisetzen.

Sich der Vergangenheit stellen: In der Friedenskirche in Ludwigshafen startet Ende Oktober eine Themenreihe zum Postkolonialismu

Sich der Vergangenheit stellen: In der Friedenskirche in Ludwigshafen startet Ende Oktober eine Themenreihe zum Postkolonialismus.

 

Info

Die Evangelische Mission in Solidarität (EMS) wurde 1972 in Stuttgart gegründet – als Missionswerk von fünf evangelischen Landeskirchen in Südwest-Deutschland, darunter die pfälzische Landeskirche. Heute ist EMS nach eigenen Angaben eine internationale Gemeinschaft von 25 Kirchen und fünf Missionsgesellschaften in Afrika, Asien, Europa und im Nahen Osten.

 

zurück