Menschen machen Kirche_ Artikel aus der Rheinpfalz zum 31.10.2022

 

Zum Reformationstag: Keine Angst vor dem Neuen und Anderen

Reformation? Die Stellung der Kirche in Deutschland ist eine völlig andere als vor 505 Jahren. Die spannende Frage zum Reformationstag 2022 lautet daher: Welche Thesen bräuchte es, um unsere Kirche heute zu reformieren – braucht es dazu überhaupt noch Thesen? Ich arbeite seit knapp einem Jahr als Bildungsreferentin im „Missionarisch Ökumenischen Dienst“ in Landau. Ich bin getauft und konfirmiert, aber kein eng verbundenes Kirchenmitglied. Ganz intuitiv und basierend auf meiner Erfahrung mit Kirche würde ich daher antworten: Nein, es braucht keine neuen Thesen, denn die evangelische Kirche in Deutschland befindet sich bereits in einem permanenten Prozess der Reformation. Denke ich an Kirche, denke ich an Menschen. Menschen, die mit ihrem Glauben und ihrer Leidenschaft die Institution prägen. Menschen, die Rituale, Regeln und Symbole zum Leben erwecken. Diese Menschen sind bunter als jedes Kirchenfester, und je nachdem, wie das Licht einfällt, verändert sich die Stimmung in der Kirche. Fühle ich Kirche, dann spüre ich Begegnungen mit Menschen aus aller Welt. Ich koordiniere ein Studienbegleitprogramm für internationale Studierende (STUBE). In Seminaren und bei Exkursionen treffen sich Menschen aller Religionen und Lebenswelten. Gemeinsam widmen wir uns globalen und lokalen Herausforderungen wie sozialer Ungleichheit oder Klimawandel. Wir bringen alle unsere Expertise und Erfahrung mit, fordern unser Gegenüber heraus und laden dazu ein, die eigenen Überzeugungen kritisch zu hinterfragen. Kirche ist ein Begegnungsraum. Begegnungen zwischen Kulturen und Religionen bewegen Kirche. Ja, zwingen sie sogar dazu, sich ständig zu reflektieren und zu reformieren. Ich bin überzeugt, dass jede Begegnung mit einem Gegenüber eine Veränderung im Anderen und im Selbst bewirkt. Jede Begegnung bringt etwas Neues hervor. Menschen, die für mich eine lebendige Kirche ausmachen, haben keine Angst vor dem Neuen und Anderen. Sie öffnen sich und hören auch die kritischen Stimmen. Kirche bringt Menschen zusammen. Sie ermutigt, eigene Vorstellungen zu hinterfragen und Vorurteile über Bord zu werfen, um Gemeinsamkeiten zu finden. Kirche wird daher zur Plattform für Begegnungen spiritueller Art, aber auch für Begegnungen zwischen Dir und mir. Diese Begegnungen bewirken Veränderungen, und Veränderungen bedeuten Reformation. Reformation ist somit ein nie endender Prozess, eine Art des Denkens und Handelns. Reformation als grundsätzliche Haltung.

Zur Person Mara Elena Zöller (29) ist Bildungsreferentin im „Missionarisch Ökumenischen Dienst“ in Landau.

 

Quelle:www.rheinpfalz.de

 

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