Baumkreuz (von der christlichen Künstlerin Kim Yong Nim) Das Bild vermittelt den Eindruck von einer umfassenden Zusammengehörigkeit. Da ist die innige Gemeinschaft von Mutter und Kind, die Verschmelzung von Erde, Mutter und Baumkreuz zu einer Einheit. Darin kann man schamanistische, taoistische und konfuzianische Traditionen erkennen, von denen koreanische Religiosität und Mentalität zutiefst beeinflusst worden sind: die harmonische Beziehung von menschlicher, natürlicher und göttlicher Welt, eingebettet in eine kosmische Harmonie. Es drängt sich die Vorstellung von der Mutter Erde auf, die in vielen kulturellen Traditionen als Hervorbringerin des Lebens religiöse Qualität hat. Beim eingehenderen Betrachten des Gesichts der Frau, die sich mit dem Kopf an den Kreuzesstamm anlehnt, lassen sich verschiedene Ausdrucksweisen entdecken. Zum einen der Ausdruck von verinnerlichtem Gram, von Kummer und durchgestandenem Leiden. In Korea hat man dafür den schon im Schamanismus vorkommenden zentralen Begriff des „Han“, bei dem auch das Gefühl von Groll und Bitterkeit, ja Empörung mitschwingt. Von dem koreanischen Theologen Park, Soon-Kook erfährt man, dass der Begriff „Han“, der in einem kollektiven Kontext zu sehen ist, auch mit „Knoten im Herzen“ anschaulich gemacht werden kann. Es lässt sich aber auch noch eine andere Wahrnehmung machen. Das Gesicht der Frau ist entspannt, in einer tief empfundenen Weise gelöst. Park, Soon-Kook hat geäußert, dass der koreanische Begriff für Versöhnung in der Deutung der chinesischen Schriftzeichen, so viel aussagt wie „entknoten“. Damit ist gemeint, dass etwas erfahren, empfangen werden kann, was den Knoten zu lösen vermag und einen Zustand des Friedens bewirkt. Vielleicht hat die Künstlerin dies darstellen wollen: Das „Han“ wird durch das Kreuz überwunden, weil von ihm ein umfassender Friede, der in der Bibel mit Schalom bezeichnet wird, für die Menschen und die Erde ausgeht. Das bedeutet Absage an Rache und Gewalt als Antwort auf erlebtes Unrecht und Leid. Es bedeutet Ansage des Lebens. Im Bild bringt das dürre, tote Holz Leben, Zweige und Blätter hervor. Das Baumkreuz ist so gesehen ein Lebensbaum, der erfahrene Gewalt und erlittene Pein nicht verbirgt, sondern in einer eindringlichen Weise hintergründig ansichtig macht. Zugleich wird der Blick auf den Gott des Lebens gelenkt, den die Christenheit mit dem Glauben an die Auferweckung des qualvoll getöteten Jesus von Nazareth bekennt.