Aktuelles,Blog Guggemol: Blasses bekommt wieder Farbe

Guggemol: Blasses bekommt wieder Farbe

Meine Mutter wird alt, sie ist über achtzig. Noch geht es ihr gut, eine schwere Krankheit lauert im Hintergrund, aber bisher gibt es keine allzu großen Beeinträchtigungen. Wir Kinder haben uns überlegt, wäre es nicht eine gute Idee, mit ihr noch einmal die Stationen ihres Lebens zu bereisen. Dazu die passenden Geschichten und Erinnerungen hören, die eigene Sicht auf die Geschehnisse überdenken, verblasste Erzählungen und Fotos in den richtigen Zusammenhang bringen. Wir haben es bei unserer Oma versäumt und das stimmt manchmal traurig. Also haben wir genau das gemacht.

Bildquelle: pixabay

 Die erste Reise führte sie und meinen Bruder nach Kassel, die Stadt ihrer Kindheit, Jugend und ersten Ehejahre. Beschwingt kommen sie zurück, haben viele Fotos und alte und neue Geschichten im Handgepäck. Meine Mutter strahlt, sie hat ihre Vergangenheit noch einmal aufleben lassen. Das Elternhaus, die Schule und die Verwandtschaft besucht, die noch da ist. Es wurden Gespräche geführt über die Kindheit, die Eltern, das erste Kennenlernen und die ersten Ehejahre. Nicht einfach mal so kurz eingestreut bei den üblichen sonntagnachmittäglichen Begegnungen, sondern gezielt, mit echtem Interesse, mit echtem Zuhören. Wir haben alles aufgeschrieben und mit den passenden Fotos in einem Fotoband verewigt. Weitere Reisen sind schon erfolgt und werden noch folgen. Wenn wir alle Stationen zusammen haben, denn meine Mutter hatte ein sehr interessantes und vielschichtiges Leben, wird ein richtiges Buch daraus.

Was haben wir bisher davon mitgenommen? Wir lernen unsere Mutter noch einmal ganz neu kennen und wir lernen unsere Kindheit noch einmal neu kennen. Wir können alte Erinnerungen abgleichen und möglicherweise neu einsortieren. Blasses bekommt wieder Farbe. Und unsere Mutter ist überglücklich. Wir wertschätzen ihr Leben, indem wir daran Anteil nehmen, wir wertschätzen vor allem sie als Person, indem wir Zeit mit ihr verbringen. So machen wir aus der Gegenwart erneut eine Erinnerung, eine richtig gute, für die Zeit, die noch lange nicht kommen soll.  

Eure Antje Haug