Sexualität und Kirche. Das war schon immer ein heikles Thema.
Es wird meistens totgeschwiegen – und wenn diskutiert wird, dann selten aufgrund belastbarer Zahlen und Daten.
Sozialwissenschaftler und Theologen der CVJM-Hochschule sind der Frage nachgegangen, „wie Christ*innen tatsächlich leben, glauben und lieben – jenseits von Klischees und Wunschbildern… Wie prägen Glaube und Kirche Sexualität heute wirklich? Welche Werte bleiben wichtig, wo hat sich etwas verändert?“ (so Mit-Autor Tobias Künkler)
Im Herbst 2025 erschien das Ergebnis, die empirica Sexualstudie 2025.
Befragt wurden jeweils, und diese spezifische Zielgruppe macht die Studie so besonders, kirchlich hochverbundene junge Christ*innen im Alter von 25 bis 35 Jahren.
Die Untersuchung beruht auf mehreren Teilstudien, u.a.
1. einer qualitativen Interviewstudie und
2. einer quantitativen Onlinebefragung darüber, welche Sexualitätsverständnisse und sexuellen Selbstkonzepte Christ*innen haben und wie die mit ihren Glaubensüberzeugungen zusammenhängen.
Inzwischen gibt es kluge Kommentare zur Studie. Wie gut, dass über das Thema in der Kirche breit diskutiert wird. Gerade weil diese Zielgruppe in unseren Gemeinden so wenig präsent ist.
Ich möchte im Folgenden erzählen, was mich ganz subjektiv bewegt:
1. Die Interviewstudie geht zu Herzen und offenbart verletzte Seelen. Kirche und Gemeinde haben erschreckend oft zu diesen Verletzungen beigetragen – und das auch jenseits des Themas sexuellen Missbrauchs, allein schon aufgrund der transportierten Sexualitätsverständnisse.
2. Zwei Drittel der Befragten sehen die Möglichkeit, Sexualität durch Willen zu kontrollieren. Das ist eine alte Idee: Der Körper ist der Seele untertan. Der Mensch, der sich autonom selbst bestimmen kann, die Vernunft, die Herr im Haus ist und die von daher eine umfassende Kontrolle ermöglicht.
Diese Vorstellung ist nun tragischerweise gar nicht christlich oder biblisch, sondern transportiert das antike hellenistische Menschenbild, das leider auch die Aufklärung in Europa hatte. Vor allem aber ist diese Vorstellung nicht lebbar. Das biblische Menschenbild ist ganzheitlicher und gnädiger. Und das führt zum nächsten Punkt:
3. Die Befragten sehen eine Diskrepanz zwischen den wahrgenommenen Idealen, wie Sexualität sein sollte und dem, was sie tatsächlich leben und erleben.

Dabei sind diese Ideale sehr verschieden. Die Ideale der christlichen Ethik werden als konservativ wahrgenommen, die Ideale der gesellschaftlichen Standards als ein „anything goes“. Und beide Ideale haben wenig mit der eigenen Lebenswirklichkeit zu tun und vermitteln den Eindruck des eigenen Ungenügens.
Seit der Lektüre der Studie bewegt mich das Thema.
Meine Hoffnung ist, dass sowohl die befragten jugendlich, kirchlich hochverbundenen Christ*innen als auch die christlichen Oldies wie ich einer bin, bewertungsarm, gnädig und verständnisvoll sind. Mit uns, mit unseren Partner*innen und allen anderen, die bei diesem sensiblen Thema auch irgendwo zwischen Lust und Unlust durchs Leben stolpern.
Euer Gunter Schmitt
