Bei einer dekolonialen Stadtführung im sogenannten „Afrikanischen Viertel“ in Berlin bin ich darauf aufmerksam geworden. Da waren Straßennamen zu lesen, die ich sonst nicht so häufig lese. Manga-Bell-Platz oder Maji-Maji-Allee oder Anna-Mungunda-Allee. Es sind Straßennamen, die an die koloniale Vergangenheit erinnern. Aber nicht aus der weißen Perspektive. Sondern die Namen erinnern an bedeutende Persönlichkeiten des de-kolonialen Widerstands bzw. an den Maji-Maji-Krieg, bei dem mehrere zehntausend Menschen von der deutschen Kolonialmacht getötet oder dem Hunger überlassen wurden.
Die Straßennamen rufen mir ins Gedächtnis, dass unsere Geschichte viel zu oft allein aus unserer Perspektive erzählt und geschrieben wird. Mit großer Selbstverständlichkeit finden wir nach wie vor häufig Straßennamen, die an Kolonialherren erinnern, wie etwa Carl Peters oder Paul von Lettow-Vorbeck. Häufig wurden die Straßen sogar erst nach dem Nationalsozialismus nach ihnen benannt. Das zeigt ein unreflektiertes Verhältnis zu diesen Personen. Denn häufig vertraten sie ein rassistisches Weltbild, das zu Gewalt und Erniedrigung in den besetzten Gebieten führte. Mit ihrem belasteten Erbe setzt man sich häufig nicht auseinander. Dabei ist dieses Erbe bis heute eine von vielen Ursachen von globaler Ungerechtigkeit.
In Berlin ist man einen anderen Weg gegangen. Bis vor wenigen Jahren war der Manga-Bell-Platz noch dem kolonialistischen Forscher Gustav Nachtigal gewidmet. Erst 2022 wurde die Umbenennung vollzogen. Nun erinnert der Straßenname an den kamerunischen König Rudolf Duala Manga Bell. Er hatte sich für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und den afrikanischen Königreichen ausgesprochen, aber die Kolonisierung abgelehnt. Dafür wurde er verfolgt und schließlich hingerichtet.

Ebenso wurde ein Teil der Peters-Allee in Anna-Mungunda-Allee umbenannt. Auch sie war eine Aktivistin im namibischen Unabhängigkeitskampf. Sie war die erste Frau, die dort eine führende Rolle einnahm und von Polizisten ermordet wurde.
Die Umbenennung von Straßennamen schreibt die Geschichte nicht um. Sie macht auch nicht die Schuld vergessen, die die Kolonisatoren auf sich geladen haben. Aber sie ist auch mehr als bloße Symbolpolitik. Die Umbenennung von Straßennamen erweitert meinen Blick auf die Geschichte. Und sie lässt mich kritisch Strukturen hinterfragen, die bis heute Ungleichheit etablieren. Und zugleich hält sie die Menschen in Erinnerung, die sich gegen die rassistische Ideologie gestellt haben. Ich finde, die Geschichte dieser Personen sollte viel häufiger erzählt werden. Auch in der Diskussion um Straßennamen.
Euer Christoph Krauth
