Seit Wochen regnet es, an manchen Tagen fast ohne Unterbrechung. Aber trotzdem spürt man den Frühling. Die Tage werden wärmer. Die Schneeglöckchen winken und die Tulpen und Narzissen stecken ihre grünen Spitzen heraus. Wenn jetzt nur nicht dauernd dieser Regen wäre… Ergiebiger prasselnder Regen, Schauer, manchmal nur ein paar Tropfen und momentan gerne dieser feine Sprühregen. Heute Morgen ist es ein ausdauernder Nieselregen und ich beschließe, mit dem Regenschirm zur Arbeit zu laufen.
Als ich an einer Wiese vorbeigehe fällt mir auf, dass der Gehweg über und über mit Regenwürmern bedeckt ist. Wann habe ich zuletzt so viele Regenwürmer gesehen? Ich kann mich gar nicht erinnern. Vielleicht, weil man im Regen sonst eher nicht spazieren geht? Ich schaue ständig auf den Boden und springe und hopse im Ausweichschritt. Was für eine Vielfalt, es gibt große und kleine Regenwürmer, dicke und dünne, schnelle und langsame. Rosafarben sind sie alle, aber in unterschiedlichen Tönen. Ich fange an zu rechnen – mein Weg zur Arbeit beträgt ca. 1,5 km, im Durchschnitt sehe ich zwei Regenwürmer pro Meter. Also habe ich heute Morgen mindestens 3000 Regenwürmer gesehen. Eigentlich sind die armen Regenwürmer auf der Flucht. Im Erdreich müssen sie ertrinken, aber auf der Oberfläche werden sie möglicherweise platt getreten oder von Vögeln gefressen. Was für ein Dilemma.
Wie kommt es eigentlich, dass fast jeder Regenwürmer mag? Wahrscheinlich, weil sie schon immer Teil schöner Kindheitserinnerungen waren. Spaziergänge im Regen bekommen auch gerade für Kinder eine eigene Faszination, wenn plötzlich die Wege voll Regenwürmer sind. Wo kommen die plötzlich her? Wo sind die sonst? Wozu sind die da? Da gibt es viel zu fragen, zu erklären und zu beobachten.
Als ich ins Büro komme, erzähle ich meinen Kolleginnen von den vielen Regenwürmern und sie stimmen fast gleichzeitig ein Lied an: „Hört ihr die Regenwürmer husten…“
Vielleicht mögt ihr ein bisschen mitsingen: https://youtu.be/7_TKaWHeQHo
Und da dämmert es mir, die Regenwürmer sind halt einfach die Guten! Ihr Anblick freut uns, denn sie helfen uns, dass die Erde gut durchlüftet und gedüngt ist und somit wissen wir, dass die Welt noch in Ordnung ist, jedenfalls unter Tage. Über die Regenwürmer und ihre guten Taten werden Kinderbücher und -lieder geschrieben. Wir Erwachsene begegnen ihnen oft bei der Gartenarbeit und setzen sie mit Respekt wieder ins frisch gegrabene Pflanzloch (wenn sie versehentlich ausgegraben wurden), gerne mit den Worten: „Ohje, tut mir leid, hier, mach bitte weiter!“, denn – jeder mag und braucht Regenwürmer, zumindest im Garten!
Eure Antje Haug

