Newsletter Guggemol: Häkeln – mehr als Handarbeit

Guggemol: Häkeln – mehr als Handarbeit

– Das leuchtende Beispiel von Cielo Tejido

Häkeln liegt wieder im Trend. Überall im Netz und in Zeitschriften findet man Anleitungen. Jede Generation ist nun wieder beim bunten Spiel mit Nadeln und Faden dabei. Und auch immer mehr Männer sieht man stricken und häkeln.

Es gibt Kinos, die spezielle Filmvorführungen mit Beleuchtung an den Sitzen anbieten, damit man dort handarbeiten kann. In Erzählcafés gibt es Handarbeitsangebote für Jung und Alt.

Auf den sozialen Medien bin ich auf eine besondere Initiative aufmerksam geworden.  

Das Projekt Cielo Tejido, auch bekannt als Woven Sky, zeigt eindrucksvoll wie aus einfachen Maschen monumentale Kunst, Gemeinschaft und Heilung entstehen können. Es hat sich in eine kraftvolle soziale Bewegung entwickelt – ein kulturelles Kunstwerk, das über Städte, Länder und sogar Kontinente hinweg Menschen verbindet.

Alles begann unscheinbar: Paloma Ron aus Etzatlán häkelte Schals und Kissen für ihre Enkelkinder. Es waren immer kleine Quadrate mit unterschiedlichen Mustern und bunten Farben, die dann zusammengenäht wurden. Als die Werke sich stapelten, beschloss ihre Familie die bunten Stücke mit der Öffentlichkeit zu teilen. Sie verschönerten Laternenpfähle und Bäume damit. Dabei lösten sie etwas aus, dass niemand erwartet hätte. Immer mehr Frauen aus Etzatlán schlossen sich an: Lehrerinnen, Verkäuferinnen, Hausfrauen, Großmütter. Jede häkelte in ihrem eigenen Rhythmus – beim Warten auf den Bus, zwischen Kundenbesuchen oder beim Schauen einer Telenovela.

Was als Familienprojekt begann, wurde 2019 mit dem Guinness-Weltrekord für den größten handgemachten Häkelpavillon der Welt gekrönt: ein schwebender Baldachin aus über 2.800 Quadratmetern kunstvoll gearbeiteter Hexagon-Motive. 2022 übertrafen die Frauen aus Jalisco sich selbst – diesmal mit mehr als 8.000 Metern gehäkeltem Himmel über ihrer Stadt.

Aber nicht nur das. Die Stiftung Cielo Tejido, gegründet von Concepción Siordia und ihrer Tochter Lorena Ron, verfolgt mehr als künstlerische Ziele. Ihre Arbeit stärkt Frauen, schafft Gemeinschaft.

Für viele der Weberinnen ist das Projekt ein sicherer Ort, um Erfahrungen zu teilen, Trost zu finden und sich eine eigene Stimme zu erarbeiten. Eine der Frauen, Anita, nutzt den Lohn aus ihrer Handarbeit, um weiter nach ihrem verschwundenen Sohn zu suchen – Cielo Tejido wird für sie zu einem Anker inmitten tiefer persönlicher Trauer.

Bild: crochet_von İsmet Şahin auf Pixabay

Die Kraft von Cielo Tejido liegt nicht in perfekter Technik, sondern in Vielfalt. Jede Frau häkelt anders – enger, lockerer, farbintensiver oder sanfter. Und genau das soll sichtbar sein. Jedes einzelne Sechseck erzählt eine Geschichte, spiegelt einen Moment, ein Gefühl, ein Leben wider.

Cielo Tejido zeigt, was passieren kann, wenn Handarbeit zu Herzarbeit wird. Häkeln verbindet Generationen, baut Brücken zwischen Kulturen, heilt Wunden und verwandelt einfache Fäden in leuchtende Kunstwerke am Himmel.

Es ist der Beweis dafür, dass große Dinge oft mit einem kleinen Stich beginnen.

Eure Anja Bein